Mann auf der Slackline und die Frage nach der richtigen Balance

Gedanken zu „Die dunkle Seite von Red Bull“

„Es ist einfach sehr viel Druck da, wenn 30 Leute am Morgen ausrücken und da merkt man, dass man nicht gern Nein sagt.“

Alexander Huber über den – glücklicherweise glimpflich ausgegangenen – Unfall seines Bruders Thomas bei den Dreharbeiten zu „Am Limit“. (Quelle: funsporting.de)

Vor einiger Zeit habe ich in der Sendung „die story“ vom WDR die Dokumentation „Die dunkle Seite von Red Bull“ gesehen. Sie hat mich zum Nachdenken gebracht. Weniger über die Rolle von Red Bull in dieser Dokumentation, sondern vielmehr darüber, wie sich die Vermarktung des Extremsports gewandelt hat und was das für den Umgang mit den damit verbundenen Risiken bedeutet.

Als dann vor kurzem Schwarzfuchs seinen Artikel „Der Schatten des Risikos“ (sehr lesenswert!) unter einem etwas anderen Aspekt veröffentlicht hat, dachte ich mir: „Das ist doch ein Thema für die diesjährige Ausgabe des Outdoorblogger-Adventskalenders 2016.“ Etwas nachdenklicher eben.

outdooradevnt-logo16Dieser Beitrag ist Teil des Outdoorblogger-Adventskalender 2016. Dieser Beitrag gehört zum #OutdoorAdvent2016. An jedem Tag öffnet ein anderer Blogger ein Türchen. Einen Überblick gibt es bei Sven von aufundab.de. Schaut mal drauf – es sind viele schöne Berichte dabei. Gestern entführte uns Nadine auf kulturnatur.de nach Spanien  und morgen geht es bei Conny von dieStreunerin.at weiter. Es lohnt sich!

Red Bull ist ein Unternehmen, dass mich schon seit einiger Zeit fasziniert. Denn in meinen Augen hat es Red Bull geschafft, die Marke komplett vom Produkt zu entkoppeln, indem das Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt hat und Werbung in Form von selbst produzierten Inhalten in seiner Zielgruppe verbreitet. Damit ist Red Bull seinen Konkurrenten weit voraus. Während Werbung im Allgemeinen als lästig empfunden wird, sieht man sich die Red Bull Sport Clips gerne und freiwillig an (und zahlt sogar manchmal dafür). Natürlich gilt das auch für mich, wenn ich beispielsweise Veranstaltungen, wie die E.O.F.T. besuche.

Red Bull hat sich als Marke etabliert, die die ihren Athleten ein bestimmtes Lebensgefühl ermöglicht: Lebe deinen Traum.

Um diese Marke aufzubauen und zu stärken, tritt das Unternehmen als Sponsor für Sportler auf. Das ist an sich nichts Neues und wird im Profi-Sport schon lange so gemacht. Neu daran ist, dass sich Red Bull neben den „normalen“ Engagements auf Extremsportarten fokussiert. Anders als beispielsweise beim Fußball oder Skifahren gibt es hier oft keine Regeln, keine Grenzen. Keine Instanz, die einen Lauf aufgrund der Wetterbedingungen abbricht. Einzig der Athlet setzt seine Grenzen.

Extremsportler üben ihren Sport freiwillig aus und bekommen in der Regel auch persönlich etwas zurück. Intensive Momente, besondere Erlebnisse, einen Ruf in der Szene. Die meisten Extremsportler nutzen dafür ihre Freizeit und nehmen dafür viel Mühen und Kosten auf sich. Ein Sponsoring dieser Athleten lohnte sich in der bisherigen Werbewelt selten.

Und genau hier fängt das Dilemma an.

Erst Red Bull hat den Sportlern und Sportarten mit ihren Clips eine Bühne geschaffen und damit einen Wert. Plötzlich ist es möglich dieses Leben, das Hobby, seine Leidenschaft und Träume jeden Tag zu leben. Nicht nur in den seltenen Stunden, in denen man nicht seiner Arbeit nachgeht, um sich das nächste Abenteuer leisten zu können. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten, oder?

Ich denke nicht, dass Red Bull Druck im Sinne von „Wenn du das nicht machst, dann kündigen wir dir das Sponsoring.“ ausübt. Aber ich kann mir vorstellen – wie im Interview von Alexander Huber zu erkennen ist – dass sich die Grenzen der persönlichen Risikobereitschaft verschieben, wenn hinter dem Extremsport eine Filmcrew und ein Honorar stehen.

Die Frage ist also nicht, ob die Extremsportler ihre Stunts grundsätzlich machen, sondern, ob sie sich gezwungen sehen über ihre eigenen Grenzen (aktuelle Tagesform, schlechtes Bauchgefühl) hinaus zu gehen.

Hierzu habe ich folgende Gedanken und Fragestellungen:

  • Die eigene mentale Stärke: Habe ich es im Kreuz in einer bestimmten Situation „nein!“ zu sagen, obwohl eine Menge Leute gerade jetzt von mir erwarten, dass ich es tue?
  • Komme ich damit klar, falls mir das Sponsoring gekündigt wird, weil ich einmal zu oft „nein!“ gesagt habe?
  • Wie gehe ich mit der Angst um, dass jemand anderes das Risiko eingeht, das ich nicht gewillt bin einzugehen?
  • Was kommuniziert Red Bull seinen Athleten in solchen Fällen? Geht das Unternehmen aktiv auf die Sportler zu?
  • Schafft Red Bull seinen Athleten die Möglichkeit (oder unterstützt sie dabei) auch nach ihrer sportlichen Karriere einer Tätigkeit im Unternehmen nachzugehen?

Aus meiner Sicht hat sich der Werbemarkt rund um den Extremsport in den letzten Jahren (seit der Veröffentlichung der Dokumentation) stark verändert. Zu Beginn ging es in erster Linie um wirklich spektakuläre Bilder und Tricks. Beispiele dafür sind für mich die ersten Freeride-Skiing (Bsp) oder auch Mountainbike-Videos, deren Produktion etwa 15 Jahre zurückliegt. Meistens Aneinanderreihung spektakulärer Stunts. Durch diese Bilder wurde eine Nachfrage nach Hintergrundinformationen zu den Athleten und ihren Projekten geschaffen. Einige Jahre später erschienen lange Produktionen, wie beispielsweise „Am Limit“ mit den Huber Buam oder David Lamas „Cerro Torre“, in denen auch das Scheitern eine Rolle spielte. Die Dokumentation wurde jedoch erst veröffentlicht, als das gesteckte Ziel geschafft war.

David Lama und Peter Ortner machten 2012 weltweit Schlagzeilen, als sie die Kompressor-Route am Cerro Torre, eine Route umgeben von Bergsteigermythen, zum ersten Mal im Freikletterstil bezwangen. Es war Lamas dritter Versuch einer Begehung.

Quelle: RedBull

Wenn ich dagegen die Filme der diesjährigen E.O.F.T. ansehe, freue ich mich, dass zwischenzeitlich auch Dokumentationen gezeigt werden, in der das gesteckte Ziel nicht erreicht wird. Beispiele dafür sind „Down to nothing“ oder „Lunag Ri“ wieder mit David Lama. Es ist eine gute Entwicklung, wenn es mehr um die Sportler, ihre Geschichte, Motivation und das geht, was sie trotz des Scheiterns für sich mitnehmen. Das ist eine wichtige Botschaft in eine Gesellschaft, die nur den Erfolg öffentlich feiert. Doch auch Misserfolge gehören zum Leben und auch (und besonders) aus gescheiterten Vorhaben können wir lernen – wenn wir sie überleben.

Down To Nothing from The North Face on Vimeo.

Sponsoring im Extremsport hat den Athleten die Möglichkeit geschaffen, von ihrem Sport zu leben, der sich nicht in richtige Formen gießen lässt. Das halte ich nicht grundsätzlich für verwerflich.
Trotzdem birgt meiner Meinung nach Sponsoring im Extremsport die Gefahr mentale und physische Grenzen zu überschreiten – dem eigenen Gefühl zum Trotz.

Siehst du das ähnlich oder ganz anders? Ich bin gespannt auf Deine Meinung!

6 Gedanken zu „Gedanken zu „Die dunkle Seite von Red Bull““

  1. Sicherlich schießt RB viel Geld in alle Arten von Sport und kauft sich den Erfolg. Da kommen dann solche Dinge wie RB Leipzig raus, die keiner so wirklich möchte (wobei mir Fußball am Allerwertesten vorbei geht).

    In der Triathlonszene haben sie viele der Großen unter Vertrag und wenn du deren Instagram oder FB verfolgst, dann nervt es mitunter einfach, wenn die ständig Fotos veröffentlichen, wo sie das Getränk so nebenbei in die Kamera halten, als wäre es Zufall. Sicherlich ermöglicht der Mateschitz es diesen Sportlern, ihren Sport mit sicherem Hintergrund auszuführen, aber die dauernde Präsenz geht einem dann schon auch auf den Wecker.

    Dazu dann die Erkenntnisse aus der oben verlinkten Doku und die beharrliche Weigerung endlich auf die Einwegdosen zu verzichten, machen RB für mich zum negativ besetzten Unternehmen.

  2. Ich bin auch kein Freund der roten Bullen. Irgendwie haftet für mich da immer dieser Erfolgsdruck bei allen Aktionen dran. Sicherlich ist das bei den Topathleten nicht so aber die Profis in der zweiten Reihe bekommen das bestimmt ganz gut zu spüren.

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