Einstieg in Krün

Paddeln durch bayerisch Kanada: Isar von Krün bis Sylvensteinspeicher

Der Himmel verdunkelt sich, Wolkentürme bauen sich auf. Ich befinde mich im Kajak auf der Isar, mitten im Karwendel und ein Gewitter befindet sich im Anmarsch. Ein kurzer Blick auf das GPS – ich schätze, dass ich noch etwa zwanzig Minuten bis zur Ausstiegsstelle an der Geschiebesperre vor dem Sylvensteinspeicher habe. Dort steht mein Fahrrad, das mich zurück zu meinem Ausgangspunkt in Krün bringen wird. Ich lege mich mächtig in’s Zeug, um schnell weg vom Wasser zu kommen. Bevor es richtig losgeht. Der Genuss ist jetzt vorbei, ich habe keinen Blick mehr für die Landschaft, die auch bayerisch Kanada genannt wird.

Morgens um neun habe ich in Krün unterhalb der Touristinformation das Kajak zu Wasser gelassen und bin gestartet. Ein geschenkter Tag, denn ich habe kurzfristig unter der Woche frei und sonst nichts anderes vor. Auch wenn der Wasserstand nicht optimal ist – ein wenig mehr hätte nicht geschadet, will ich heute dieses schöne Stück Isar zum ersten Mal paddeln.

Sobald ich im Kajak sitze, nimmt mich das eisblaue, klare Wasser der Isar mit und ich treibe durch eine einsame Landschaft. Das breite Tal, durch das die Isar hier im Karwendel fließt lässt nicht erahnen, dass Orte wie Krün gar nicht so weit weg sind. Ein Gefühl der Einsamkeit stellt sich ein – daher auch die Bezeichnung „Bayerisch Kanada“. Der Fluss mäandert durch die weiten seines Kiesbetts und ich muss immer wieder darauf acht geben, die Abzweigung mit dem meisten Wasser zu nehmen.

Eine Szene wiederholt sich immer wieder: Ich paddle durch eine Kurve und dahinter liegt auf einmal ein Baum quer über der Isar oder ein Gebüsch ragt weit in den Fluss hinein. Ich bin ständig auf der Hut und stets bereit auszuweichen oder anzulanden, denn die quer liegenden Bäume sind gefährlich. Immer wieder halte ich an, um mir eine Stelle vorher anzusehen – aber nur einmal muss ich tatsächlich umtragen.

In den Außenkurven ragen die Kieswände steil auf, wo sich die Isar in Jahren ihr Bett gegraben hat. Oben steht die Grasnarbe, wie bei einer Wechte, ein wenig über. Wenn ein Baum diesem Überhang zu nah kommt, verliert er den Boden unter den Wurzeln und kippt in den Fluss. Die stete Kraft des Wassers, der es gelingt Bäume zu fällen, fasziniert mich und an diesen Stellen passe ich besonders gut auf.

Inmitten dieser einsamen Flusslandschaft begegne ich im vorbeifahren nur einem älteren Herren, der sich auf einer besonders abgeschiedenen Kiesbank sonnt. Ansonsten genieße ich das Gefühl dieses herrliche Stück Erde hier und jetzt für mich alleine zu haben.

Bevor ich unter der Brücke von Vorderriß hindurch paddele, muss ich noch den Pegel Rißbachdüker passieren. Er ist gut zu erkennen und beim aktuellen Wasserstand lande ich rechts vorher an, um mir den Verlauf des Kanals anzusehen. Der Kanal an der Pegelmeßstelle entlang (den man im Übrigen auch bei der Anfahrt ansehen kann) scheint kein Problem zu sein, als ich mich jedoch umdrehe, sehe ich, wie sich hinter mir dunkle Wolken auftürmen.

Mit meiner Ruhe ist es jetzt vorbei. Viel früher als erwartet macht sich das Karwendel bereit für ein Gewitter. Ich gehe meine Optionen durch: „1.) Aussetzen in Vorderriß und dann zu Fuß zum Fahrrad an der Geschiebesperre gehen – ganz schön langwierig, aber ich wäre nicht mehr auf dem Wasser. 2.) Gas geben und versuchen, vor dem Gewitter mit dem Boot an der Geschiebesperre zu sein und im Notfall das Gewitter auf einer Kiesbank abwarten.“ Ich rechne mir die Entfernungen und die voraussichtlich benötigten Zeiten durch, entschließe mich für die zweite Option und gebe Gas. Zeit, um die Landschaft zu genießen, gebe ich mir jetzt nicht mehr. Diesen Teil der Isar kenne ich sowieso noch aus meiner Kindheit und mein Ziel ist es jetzt, vor dem Gewitter am Fahrrad zu sein.

Hinter mir höre ich es donnern, ich ziehe noch kräftiger am Paddel. Immer wieder prüfe ich, wie weit es noch ist und bin froh darüber ein GPS bei mir zu haben, mit dem ich die Entfernung abschätzen kann. Zwei Kilometer, einen Kilometer, 500 Meter. Als ich noch 300 Meter habe, komme ich um eine Kurve und sehe meinen Ausstiegsplatz. Ich habe das Gewitter tatsächlich hinter mir gelassen. Es regnet noch nicht einmal. Schnell packe ich meine Sachen zusammen, ziehe mich um und setze mich auf das Fahrrad – dem Gewitter entgegen. Mittlerweile tröpfelt es auch leicht.

Wie schnell ich mit dem Fahrrad wieder in Vorderriß bin. Mit dem Kajak auf dem Fluss und dem Gewitter hinter mir, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich vom Wasser war. Jetzt schnell über die Brücke, die Mautstraße entlang. Am Pegelhaus stelle ich mich kurz unter, um mir die Regenjacke anzuziehen, denn inzwischen haben sich die Himmelsschleusen geöffnet. Durch dicke Tropfen hindurch fahre ich Krün entgegen. Die Straße dampft, kalt ist mir nicht. Der Regen wird weniger, hört fast ganz auf, nur um ein paar Meter weiter wieder loszulegen. Ich wundere mich, wie weit die Strecke ist – im Auto kam sie mir viel kürzer vor. Ich denke, dass es eigentlich schon lange nach links Richtung Krün weggehen müsste, da kommt noch eine Steigung. Und noch eine. Langsam habe ich keine Lust mehr, als ich endlich Richtung Süden, Richtung Krün fahren kann.

Zu früh gefreut. Wind bläst mir entgegen und nur Sekunden später öffnet der Himmel über mir seine Schleusen. Jetzt aber richtig. Innerhalb einer Minute bin ich komplett durchnässt. Jetzt wird es auch kalt. Ich schimpfe lauthals und feuere mich selbst an. Wieder das selbe Prozedere: Nur noch einen Kilometer, noch 500 Meter, nur noch 200 Meter, dann bin ich endlich am Auto. Klatschnass und völlig erschöpft, aber glücklich.

Hier komme ich wieder hin!

GPS-Track: Isar von Krün bis Sylvensteinspeicher

Leider habe ich keinen GPS-Track, weil ich in der Eile und im Regen, mein GPS auf dem Autodach habe liegen lassen 🙁 Ich weiß: Klassiker… Eine sehr gute Anlaufstelle für Informationen ist kanu-info-isar.de. Ich kann nur jedem Interessiertem empfehlen den kleinen Beitrag für Christians jährliche Arbeit zu leisten, denn die Informationen sind große Klasse.

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